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Über

Wenn Du etwas über mich wissen willst, bleibe ernst und laß es Dir genügen, daß ich ein Dichter bin.

Mit Dichtern ist es nicht anders als mit Fußballern. Es ist nicht die Liga: Ein Fußballer ist, wer einen Ball liegen sieht und kicken muß. Wer aber ein Wort spürt und singen muß, das ist ein Dichter.

Es kommt nicht auf Deine Meinung an, sondern auf Deine Begeisterung oder Enttäuschung (mußt Du mit nach Hause nehmen). Aber wenn Du selbst singen mußt, willkommen!

Ich bin begeistert von meinen Brüdern Jean Paul, Robert Walser, Georg Trakl und meinem Freund Homme des Lettres R.W., genannt Anton Abdecker. Und von meinen Schwestern Virginia, Sylvia Plath, Anne sexton und dem Mädchen X, das gerade in seiner Ecke hinauf zur Decke starrt und etwas fühlt, das nichts ist wie Hiphop oder Wagner oder Pimk Floyd, sondern etwas schon vorbei...

So laßt uns singen...

Alter: 66
 



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Blog

Linie Vier

in den Fenstern der entgegenkommenden Straßenbahn die gleichen Passagiere wie vor vierzig Jahren. Der gleiche Regen läßt meine Wurzeln faulen. Ich sehe die Armut in den Kinderwägen, und im mürrisch hinein blickenden Gesicht verbitterte Sehnsucht.

Die jungen Männer lachen und stupsen und schnauben. Kichern und Kickeln bei den jungen Mädchen. Eine nicht viel ältere Frau im Kopftuch tauscht mit ihrem strengen Begleiter von der Bartstoppel Zungenküsse. Der Fundamentalismus ist auch nicht mehr das, was er einmal war.

Alte Männer, Begleiter von Einrichtungs- und Einkaufsprojekten ruhen aus in von Möbeln entleerten Gedankenräumen, Frauen rasten auf der Flucht vor dem Schweigen der Wünsche. Es geht durch die esoterischen Labyrinthe der Kaufhäuser, manche ziehen sich verzweifelt an den Felsen von Designer-Shops aus dem Meer der Anonymität.

Die Tram fährt weiter in die Schnäppchenmeile 70%. Hier treffen sich Kichern und Spähen, Lust und Scham, die aus dem Elend den Provinz in die Schluchten der Stadt flohen. Hier im Feuchten schwillt der Schimmel der Kultur. Hier blüht irgendwo die Blume Deiner Erlösung. Die Kirche der Heiligen von der Fleischeslust öffnet ihre rot leuchtenden Tempel, die Priester von der Goldkette und die Priesterinnen vom Arschgeweih erleichtern Deine nach Berührung brüllende Sehnsucht.

Im städtischen Dampfbad schrubben zwei gefaltete Heilpraktikerinnen einander die Lust aus der Haut, als sei sie vom Satan entzündet. Der geht einsam durch die duftenden Aufgüsse des Saunameisters. In der Ruhezone versenken sich schließlich alle in die Phantasien von Roman- und Skandalfabrikanten. Sie fliegen, stürzen und landen schließlich weich in der Liebe, sie kämpfen tapfer und siegen gegen das Unrecht in der Welt. Sie ermutigen sich zu Liebe und sie ermuntern sich zu Hoffnung.

Endstation Hauptbahnhof: Linie 4 kehrt um. Bist Du bereit für nach Haus? Für die Berührung im whirlpool Familie?
Fliegen wie schön, vom Nest aus!

Und was gibts im Fernsehn? Man darf zusehen wie Fledermäuse in der größten Höhle der Welt fliegen. Kot von millionen Exemplaren, der von millionen Schaben wimmelt. Man sieht wie eine Fledermaus in Kot und Schaben versinkt, zuckt, zersetzt wird.

Das Kino gibt den Vorleser von Schlink. Sex and Crime macht die Deutschen ganz hektisch, wenn sich heraus stellt, dass die erfahrene Liebesmutter Killerin bei der SS war. Wäre es nur eine sehnsüchtige Frau gewesen, hätte man zumindest etwas Literatur erwartet. Bilder, Fühlen, Gedanken. So reicht die Mechanik, die ein Altersgefälle in Gang setzt für neugieriges Kaufen. Romantisches Geschichtenbasteln. Ein billiger Plot macht Kasse. Wer fühlt bekommt in all der Begeisterung an Sex und Nazicrime ein Gefühl wie eine in Kat und Schaben verzweifelt gegen das Versinken kämpfende Fledermaus in den Batu-Caves. Ist es das, was wir im Ruheraum des Wellnessparadieses über unsere heißen Steine von der Hoffnung gießen?

Klaus Wachowski 07.02.09
8.2.09 19:48


Shiva in Strindbergs Büro

Shiva trifft Kali
-ein japanischer Fächer-

Er steckt sich eine Zigarette an. Die Nerven entspannen sich in der Umhüllung des Rauches.

Er klingelt.

Kali öffnet im schwarzen Anzug.

Er sieht ihre Freude hinter dem Mascara. Sie entzündet in ihm die Glut einer in die
Kindheit reichenden Liebe.

Sie halten einander nicht lange mit Präsentationen auf. Nachdem der Bausparvertrag unterschrieben ist, stecken sie Lamy und Parker wieder ein. Sie geht ins Bad. Er läßt sich von dem Geheimnis umfangen, das die Verwandlung einer Geschäftsfrau in eine Frau darstellt.

Heute trinken sie Whiskey nach der Art von Japan 1953. Sie stehen auf und schlingen die Decke umeinander. Der Kuß ist feucht. Ihre Einsamkeiten verflechten sich zu einer Liebe vom Anfang her. Er löst sich in ihr auf, sie zerfließt mit ihm im Rauch einer Fuji.

Sie öffnet das Sideboard. Er stellt den Rest Whiskey hinein. Als er die Tür schließt, fängt er ihr Bild noch einmal in eine dunkle Erinnerung ein. Sie bettet die Träne Einsamkeit in ein Schmuckkästchen von dunkelroter Liebe.

Dann schließt sie die Zeit.

Kw. 18.12.08
19.12.08 22:44


Alten Teppen begegnen

So täppisch erscheint mir Tolstoi gar nicht, wenn ich die Berichte von Gussew und Spiro aus dem Jahr 1909 lese (Reclam Leipzig). Er zeigt dort eine von Sonderbarkeiten vertrackte religiöse Grundansicht der Welt, die an sich aber tolerant und offen ist. Der viel wüster schimpfende Nietzsche, Stifter einer Religion des Ich und der Züchtung ist mir da weniger angenehm. Keine wissen-schaftliche Entdeckung ohne ihr folgende ideologische Verblö-dung.
Tolstoi scheint mir in den Notizen der genannten Verehrer kei-neswegs selbstsicher, was die Wahrheit über Gott und die Welt betrifft. Er achtet Kant, Sokrates und Lichtenberg. Er legt Wert lediglich auf Verhaltensweisen, die zum Teil Enthaltsamkeit, zur Hauptsache Nächsten- und Tierliebe voraussetzen. So die Ab-schaffung der Todesstrafe und des Privateigentums an Grund und Boden. Ein Hippie, der bei allen Vernünftigen aneckte. Bei vernünftigen Unterdrückern und bei künftigen vernünftigen Un-terdrückern.
Sein Problem dürften alle Reformer haben, die von einer prirvile-gierten Position aus die Abschaffung der Privilegien fordern. Er findet seinen Weg. Für die Unterprivilegierten bleibt er Herr und Heuchler, für die eigene Schicht Verräter. Er appelliert an die Einsicht des Einzelnen und mißtraut den überkommenen Lösun-gen der Macht und den sogenannten wissenschaftlichen Lösun-gen der Gegenmacht.
Mir begegnet da im Strudel von unglaublichem Luxus und un-glaublicher Not ein alter Tepp, stolpernd und hinkend mit einem Kopf voll von Kraut und Rüben aus Befreiung und Spießertum, mit einer Seele der Unsicherheit und Demut vor dem Wert des Nächsten.
Der Wiener, der ihn in der Zeitung einen alten Teppen nennt, wird von Karl Kraus zum Teil -Recht und Unrecht- in Schutz genommen.
*
Im Nebenraum einer Bildungsstätte verabschieden sich acht Kursteilnehmer von der Dozentin. Sie haben zehn Doppelstunden "Encouraging" nach Alfred Adler geübt. Der Psychologe, der sein Nachdenken dem Wert des Individuums in seiner Beziehung zur Gemeinschaft widmete, in die USA auswanderte und dort eine größere Anhängerschaft für die Individualpsychologie er-warb. Auch diese Form des wertachtenden Umgangs mit Men-schen kam erst spät wieder nach Europa zurück, nachdem Sekten und Psychosekten längst die von Nachdenklichkeit entwöhnten Gehirne einer Botschaft-begierigen älteren Jugend eingeweicht hatten.
Wer nicht alles Vertrauen in die Mitmenschen verloren und sich der Karriere zugewandt hatte, mußte in der Zeit des ab den 80ern, mit Beginn der Not, ausbrechenden Egoisms vereinsamen. Der Blödsinn der Gurus und Psychogurus konnte nur Wenige von Glück besoffen machen. Die Selbsthilfe-, Frauen- und Männer-gruppen kamen aber zu Hilfe. Methoden der wertachtenden Kommunikation eroberten sich Inseln des solidarischen Um-gangs in der Gesellschaft. Aus den USA kam außer dem Dschun-gelkapitalismus auch der Auftrag zur Achtung des Individuums. (- Ein Kanzler mit einer Obama-Herkunft ist in Europa heute noch nicht vorstellbar.-)
So kam die Individualpsychologie zurück.
Und jetzt üben acht komische Leute Mut.
Wenn sich die ganze Welt gegen Dich verschworen hat, sage ich: im Augenblick Deiner Geburt waren alle mit sich und mit Dir beschäftigt. Aber gerufen und begrüßt hat Dich das Leben. Dies ist nicht der Weg Deiner Eltern oder Irgendjemandes. Dies ist Dein Weg, komm und staune! Liebe und lasse Liebe zu. Gehe durch Glück und Einsamkeit. Nimm dies Geschenk an, Du wirst es verlieren. So schätze das Wunder. So zünde Dir eine duftende Erinnerung an im U-Bahnschacht der Depression. Und sieh: da sind Menschen und ihre Möglichkeiten.
Eine versprochene Gehaltserhöhung wird seit Jahren immer neu versprochen, eine Hilfsbereitschaft läuft immer wieder auf eine Ignoranz auf, eine Mutterliebe verletzt sich am Rauhputz einer Pubertät, eine Menschenfreundlichkeit erntet Beschimpfungen, eine frei und froh arbeitende Kreativität wird eingesperrt, eine Achtsamkeit wird mit Projekten in Migränegewitter gejagt, eine Gestaltungsfreude wird beworfen.
Du kannst Wert und Würde erfahren. Wir üben unsere Fähigkei-ten. Wir üben Mut und Vertrauen. Wir gehen hinaus in die Welt und zu den Menschen. Wir erfahren Vertrauen. Da ist auch all das andere, das wir kennen und das uns mißtrauisch und bitter gemacht hat. Nach zehn Stunden glauben wir wieder Menschen. Und uns.
Jetzt fällt es auch leichter Gott zu glauben oder nicht zu glauben. Denn in uns ist wieder Platz für die Welt. Ich verstehe den alten Teppen Tolstoj, der der Kunst und der Wissenschaft geringeren Wert als der Religion und der Arbeit zugewiesen hat. Der Aus-tausch zwischen den Gleichen ist ihm wertvoller als das Darstel-len und Besserwissen. Karl Kraus entgegnet Tolstoj mit gerech-tem Pathos: "...im Besitz von Millionen nach einem Martyrium lechzen."
Ich achte beide und denke mein Eigenes. Ermutigt von Alfred Adler, Einwandererkind in Wien, dem es an nichts fehlte als an Achtung. Eigener Weg ist das erste.
In einer Zeit der entwertenden Techniken der Menschen-Nutzung gehen acht komische Figuren hinaus in die Welt, Mensch zu blei-ben. Probier es aus....
*
Aufmerksamkeit
wo kommst Du hergeflogen? Leichtes Wort und stärkendes Ge-fühl. Etwa diese krumme Linie zwischen beschatteten und leuch-tenden Ziegeln auf diesem Dach. Die Sonne sagt Frühling mitten im heraufziehenden Winter. Ein gelbes Gummiband, das einen Wind- und Sichtschutz an diesem Kiosk fest hält, wo Verlorene ihre Lebensverwirrung in einem Allesbeschwätzen ausflößen, ertrinken in Sehnsucht. Ciao, Hass weinende Einsamkeit.
*
Der alte Parvenue aus Kurdistan grüßt ganz Grandseigneur. Er hat gearbeitet und als Selbständiger Schiffbruch erlitten. Aber da sind Mietshäuser in Antalya. Er hört aufmerksam die Geräusche unterhalb dem Radiogeblödel. Das erleichterte Aufseufzen der Gäste, wenn sie sich nieder lassen. Das Schleifen der Schuhe des in eigene Pläne versinkenden Personals. Er bemerkt das Aufblit-zen eines in ein viel zu junges Gesicht eingepiercten Glassteins. Eine Schwangere führt ein Freundinnen-Gespräch von Erinne-rung und Erwartung. Ihr Leben geht nun auf Liebe und Schwere. Die Freundin in Freiheit und Leichtigkeit des Seins saugt davon. Auf das Andere Leben will niemand verzichten. Zwei Vertreter der unermüdichen Spekulation auf privates Glück essen ihre -macht alles keinen Spass mehr- Spesen auf. Sie wissen: man sagt „Espressi“. Sagt man das? Hoffnung vom Apres-Ski in Reit-im-Winkel,. Millionärin, Bratkartoffelverhältnis, junge Witwe und braver Bausparvertrag bleiben.
"Und was soll das mit dem Clement? Fahrmer maximal 150, 160. Plötzlich unheimliche Kondition. Zirkeltraining nach Bedarf. Sonntags die Frau. Samstag, nee, nee, ist nicht meine Art.
Ja, wenn ich am Sonntag nachts um zwei heimkumm, dann ist das was ganz anderes. Ist doch auch im eignen Interesse. Aber das ist echt heftig. Kann ich nie verstehn. Gut. Das war dann echt heavy. War ja auch kein Freizeit-Ausgleich dabei. Das Produkt find ich persönlich nicht gelungen. Genau so isses. Na ja. Bei-spiel, Beispiel. Früher war das nicht möglich. Da kann man das nicht sagen. In keiner Weise. Da läuft das mehr im Sinne des Außendienstes. Vorgabe erfüllt, gibt Nachzahlung. Lachen. Das und jenes wichtiger als die Prämie. Quatsch. Langfristig führt das total am Wichtigsten."
*
When the music ´s over
Blick auf Jimmy
Hat er weniger Recht, weil er in einer Zeit gestorben ist, die weit unten und hinten im Tal liegt? Die Freunde von dort sind nun weit ab in höheren Sphären und lügen sich eine Zustimmung in die Tasche, die sie längst mit abfälligen Bemerkungen verspielt haben. Andere lallen einen depressiven Altershass in das von kleiner Gier durchzogene Gesicht eines Kioskpächters. Sie alle, ihre Transformation aus freien in gelebte Menschen sprechen für J.
Wer außer mir will es wissen? Einer wie ich. Alt, mit einem Her-zen, dem die Sehnsucht nicht ausgehen will.
Wie jung er ist! Mit welcher Energie er die Gitarre schlägt und quetscht. Wunder von Funken regnenden Tonkaskaden. Was in einem Menschen doch möglich ist. "Wer hören kann und ein Herz hat", den lädt er ein, eine Liebes-Ballade von Bob Dylan in seiner Musik zu hören, dann überrascht er mit "wild thing". Wil-der wird der Rhythmus, obszöner werden die Gesten. Zum Schluss masturbiert er seinen Blues über die gequälten Saiten in die Menge. Dann zerschlägt er das Instrument und geht.
Ich sehe Einsamkeit und Sehnsucht. Die Verehrung hat ihn in einen menschenleeren Raum geführt. Da liegt sie, die Avantgarde der Bewegung und saugt ihm die Samen aus. Keiner, Keine fä-hig, Freund zu sein. Alle in Genuss und Neid. Morgen zucken sie zu Pink Floyd, übermorgen wieder unter Wagner.
Aber was ist mit Dir, Jimmy, Du unscheinbares Gefäß, dessen in unerhörten Klängen zerspringender Seele wir atemlos lauschen? Ich kann das heute nur in von monatelangen Pausen unterbroche-nen Intervallen ertragen. Ich will gar nicht wissen, in welcher schmutzigen oder irren Kindheit Du zu Deiner brennenden Ein-samkeit kommen musstest. Ich glaube auch nicht, dass der Schmerz die Musik macht. Er zerbricht nur die Schale, damit ein Publikum der Vampire leichter an Dein Blut kommt. Warum durftest Du Deine Früchte nicht austragen, welcher Sturm hat Dich gezwungen, sie zu früh abzuwerfen und zu sterben?
Was hätte noch in Dir wachsen können! Wir haben nur die wun-derbaren Märchenwelten Deiner jungen Gier. Wo sind die Bre-chungen des Erwachsenen, die reflexiven Findungen des gefan-genen und die Erneuerungen des wieder freien Selbst des der Alten.
Freundschaft, gab es sie? Sie war nicht stark genug gegen die Verführung des Ruhms. Du bist an seiner Übermacht gescheitert. Unter der Spannung der Einsamkeit, immer noch eine Wicklung mehr, immer noch ein Ton höher, sprang diese Saite, diese Seele. Wir haben daran mitgewirkt, den Weg der Freundschaft mit Ge-birgen von Verehrung zuzuschütten.
Durch Verehrung wurde es auch uns im eigenen Raum schwer, Freundschaft und selbst das Ich zu halten. Er starb nicht am Kreuz. Und es war nicht seine Absicht, für die Welt zu sterben. Er starb am Blick aus der Sehnsucht in den Spiegel des Basilis-ken Verehrung. War da keine Liebe?
Towarisch Hendrix aus der Nervenklinik grüßt mich mit dem alten Gruß. Wir werden den Kapitalismus schon abschaffen und die freie Liebe im Universum etablieren, axis bold as love.
Doch: da ist Liebe! Aber sie hören nicht das Herz im Singen und Zerspringen der Saite. And the wind cries Mary, Towarisch.
*
Nebbo mit dem schiefen Hals kommt mir den Berg herunter ent-gegen. Aus einem glasblauen Himmel, vor dessen Kälte die gol-denen Wolken des Morgens nach Osten flohen, in den Morgen. Die Medikamente wirken. Nebbo bleibt friedlich und freundlich. Ich versuche mir seine Musik vorzustellen. Statistisch gesehen sind unter den Kranken mehr Liebhaber der Volksmusik anzu-treffen als solche von Musik. Ihm steht eher Schweigen. Ein Tuch Sonnenlicht legt sich warm auf den Ärmel seines hellblauen Pullovers. Er nimmt es mit in die Bedeutungslosigkeit.
Vier Schulmädchen kichern von erster Verliebtheit. Sie stellen ihre Rucksäcke ab, mitten durch ihn hindurch auf die Bank in einen Streifen Sonne. In ihnen spielt eine Trick-Track-Musik von DSDS. Das heißt: von Liebe wissen sie noch nichts. Vom Allein-sein. Sie schützen sich in der Kicher-Clique.
Am Kiosk die vergärenden Träume der Säufer. Sie träumen Ma-ma und den Weihnachtsbaum und Vergessen ohne Angst und Schmerz.
Wie weit ist es doch zum Ich! Und noch weiter zu seinen Träu-men, deren Hieroglyphen in einem mutigen Schwung gelesen die Welt mit dem Namen Du ergeben.
Ich freue mich auf das warme Licht in einem Behandlungszim-mer. Dort werde ich über dieses Schaufenster nachdenken. In einer Nebengasse im Provinznest A hat der Eigentümer eines kleinen Fachwerkhäuschens in alter Zeit ein ebenerdiges Schau-fenster ausgebrochen. In ihm steht ein Paar alter abgewetzter Schuhe von schwarzer Farbe in einer weiße Weihnacht leuchten-den Lichtschlange. Eine in Kupfer glänzende Tafel verkündet unbeirrt in all die Schäbigkeit hinein: Erster Preis für die Tanz-schule X, die in unserer Jugendzeit so ungefähr das seriöseste war, was die vornehm desinfizierte Langeweile dem Spießer zu bieten hatte. In uns aber sprühte es Jimmy Hendrix.
*
Es wird wieder früher dunkel. Wie schön! Schon als Kind sah ich gern die Schatten der Menschen im sparsamen Licht der Rekla-men durch die Straßen wanken. Sie machten mir keine Angst: in der Kleinststadt war jeder jedermanns Nachbar. Es gab Neid und allgemeine Armut. Furcht aber war das Geheimnis in den Famili-en.
Das Kopfteil des Sitzes gegenüber hat das Messer eines jungen Spaßvogels oder Pitbull aufgeschlitzt.
16.11.08 Klaus Wachowski
30.11.08 13:59


Schlapöcher radölen

Dies ist ein Kiesweg aus rundgescheuerten blanken Worten des Jerry Cotton, der Liebe, die dem Grauen trotzt, der Raf und Gottesdiskussion. Die Musik dazu kommt von der kleinen Jenny Superstar, ganz swungen.
Plötzlich ein unheimliches Knacken als Schatten.
Dann verfandelt heftiger Regen die Metropolenguerilla. Es ist die kollektive Befreiung eines Revolutionärs, eines Kaders Wille, Fähigkeit und Führung. Wir konvöluten viele Lösungen.
Das junge Mädchen mit dem trist rabenschwarzen Schulterhaar, den dunklen Augen, Teint und Lippen spürt die grausige Gänsehaut kribbelnd den Rücken hinauf. Sie radölt eine von Schlapöchern übersäte Straße.
Irgendwie fühlt sie Kerle mit Sargschauder. Und Cotton, dieser Wahnsinns-Jaguar, stemmt seine hundert Kilo aus dem Sessel.
Cotton, sind Sie es? brummt eine Männerstimme aus dem Gott sei Dank. Der rundliche kleine Mann dreht den Knauf: Bis der Tod uns scheidet, Baby!
Der Jaguar jagt kopfschüttelnd durch eine Gasse. Der Urknall kommt Grüß Gott. High hat alles arrangiert: Proletariat und Unterwerfung. Halt suchend rudert er Arme, was Schmerz ist oder Schock. Die Tür hat ihn schwarz vor Augen.
Hackett, der schmallippige Mund, lässt Russell Rank und Maria Molinari ein grausames Team des Todes. Das Killer-Paar knallt die Beretta, der schwitzende kleine Mann weicht so gut wie tot. Aber Gott will nicht sterben.
Bald darauf verscheidet Jonathan das wunderbare Kribbeln im ganzen Körper. Es streichelt und liebkost wie zärtliche Hände eines unsichtbaren Liebhabers. Wie Liebe auf den ersten Blick definitiv samtweich dunkle Gedanken des Tages umflattert.
Da sind Schatten von Hochgefühl und glühende, zornige Augen mit der Lautlosigkeit eines Tieres. Miranda zuckt Tränen der Verzweiflung, verdammte Schweine.
Noch schwirrt ihr Bienenstock um Jonathan Sipes und Jackson Manor. Kaum eine Viertelstunde vor Sonnenuntergang aber besuchen die dunklen Wälder von Gonne seltsame Gedanken.
Metropole der Herrschaftsapparate? So blauäugig bist du doch sonst nicht! Phil schüttelt noch lange den Mafiaboss. Nachdem wir den verdammten Haftbefehl, gehe ich Kusshand vom Gas.
*
Nach 20 Jahren kehrt Trewor McGee, ein Comic-Zekner und Alkoholiker, zurück an den Ort des Schreckens mit einer permanenten revolutionären Situation in einer Unzufriedenheit aller Schichten. Miranda seufzt Erinnerungsfetzen wie Nebelschwaden. Das sonderbare Wispern, das wie ihr Name klingt, wie Totenkiste und Vampir.
Er wartet alle Zeit der Welt. Ja er spukt noch immer mit heiseren Schreien durch Deine Träume. Aber ich weiß: diese Nacht erschaudern Wind und Wucht das Schicksal, Miranda.
Die Finsternis kommt mit Deutschlands Gruselprogramm. Ein Fall für Art Grobuc. Ununterbrochen trommeln Regentropfen das Erbe des Wahnsinns. Er weiß Angst, entsetzliche Angst...
Ich steige auf die Bremsen.
*
Alle Achtung grinst ein Jahrgang Gott.
Jonathan lächelt Kamin und wuchtige Ohrensessel. Er greift sanft hinab in dunkel klopfende Herzen.
Lassen Sie mich einen Test, schöne Dame: Sie swungen und nippen etwas seltsam Märchenhaftes. Bitte, verzeihen Sie, wundervollste Frau von Gefühlen und Verzweiflung.

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22.11.08 20:24


Sacra, schon wieder Herbst!

Die Blätter lassen sich aus dem Leben fallen, die Amsel schweigt etwas Schwarzes ins Allerheiligen. Es Kommt so etwas wie Totensonntag. Wähle: Stress oder Einsamkeit.

Der Chef treibt Dich mit wuchtigen Schlägen durch die Schredderwelten der Betriebswirtschaft. Aus der Liebe erhebt die Einsamkeit ihr bleiches Gesicht. Die Zeit wird umgestellt auf Nacht, auf Teelichter, Schnellkerzen für schnelle Gefühle.

Der Körper lechzt nach Schlaf und Halluzination, ein Fieber darf sich nicht erbarmen. Weiter den Ball! Noch ein Tor, erwartet die Firma der Fried- und Freudlosen von Dir. Weiter! Weiter! Von Sieg zu Sieg - und wenns sein muß: von Niederlage zu Niederlage. Das Kind in Dir wird in tiefen Verließen eingesperrt. Und Du - hilfst mit!

Du solltest einen Freund anrufen, oder Gott. Auch davon hast Du eine Menge vernachlässigt. So raschelt die Einsamkeit der ausgetrockneten Blätter in Deinen Gefühlen und ein Wässerchen Traurigkeit schwämmt Dich fort: näher mein Tod zu Dir.

"Gestern war so warm. Aber am Dienstag melden sie Schnee. Zu krass ohne Übergang! Früher, ja früher! Aber heut!"

Glück aus der Wiederholung des "früher, ja früher" im Jetzt. Auch morgen wird ein Früher sein.

Jetzt zünde ich ein Teelicht an. Die Farben der Blüten, der Früchte, der Blätter werden von der Zeit gefressen, die Freude verfaulte in einer Bilanz.

Jetzt ist die Saison der in brennenden Zimmern sterbenden alten Frauen. Sie wollen das Licht nicht ausgehen lassen in der Entfärbung, im Schweigen unter den Menschen. Unermüdliche Heldinnen der Hoffnung.

Die alten Männer haben ihren Schnaps und Ruhm schon lange hinunter gesoffen ins "früher, ja früher". Und sie erwarten 20% auf alles. Jippie yaya, Jippie, Jippie Yeah.-

Der Schnee kann kommen: wir haben uns mit Teelichtern eingedeckt. Jetzt schmecken die Walnüsse gut.

Klaus Wachowski 26.10.08
29.10.08 22:19


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