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Was ist Wahrheit?

Was wei? ich wohl,
als dass ich lebe
und also sterben werde,
so auserw?hlt
zu Freude und zu Leid?

Ich wei? auch,
dass Du da bist,
und ich Dich liebe
und Dich verlieren werde,
also leben will mit Dir.
Bis dass der Tod uns scheidet
oder Lust.

Ich wei?, es ist ein Wunder,
ich wei?, ich will es achten,
ich wei?, ich freue mich,
ich wei?, ich muss wohl leiden.

Was wei? ich schon,
dass ich davon auch singe,
au?er dem einen,
dass ich singen muss?-
Ob Leben, Sterben mir gelinge?
Lass es mich singen:
Im ersten Schrei,
im Kuss!

10.04.2005 Klaus Wachowski
10.4.05 22:21


Putzen

Grit steht am Fenster. Um ihren K?rper changieren die Lichtstrahlen meiner Erinnerung.

Ich spr?he Essigreiniger auf den Wasserhahn, wische feucht und trocken nach. Es gl?nzt.

Wie fest packten die Finger zu, als sie ihn zum ersten Mal ?ffneten! Heute liegen sie nur wie fl?chtig auf dem Hebel. Ich sehe den Kalkrand nicht mehr im ?rger verlorener Freizeit, sondern in der Zufriedenheit eines bald beendeten Werks.

Grit sieht durch unser Haus hindurch in das Gesicht ihres Freundes, in ein Leben, das in einem gl?sernen Fahrstuhl langsam einen B?ro- und Appartement-Turm hochf?hrt. Die Welt wird weit unter einer aufsteigenden Sonne. Dieses Aufsteigen und Hinausschauen hat etwas vom Gl?ck des Fliegens. Vom Aufl?sen einer Wolke im Blau.

Ich spr?he den problematischen Rand des WC ein. Dann stelle ich die Klob?rste ins Wasser. Auch den Wasserrand bespr?he ich. Rasch schlie?e ich die Deckel vor dem ?tzenden Geruch. Ich ?ffne das Badfenster, sehe das Gelb der Forsythie, die rosa Bl?te der Rotbuche im Gr?n des Rasens. Ein Gl?ck wie vom Duft der Kindheit.

Hinter Grits Haus weht die lange Fahne einer vergessenen Klopapierrolle, wie ein Rest ihrer M?dchenscherze zur Hexennacht. Sie sieht zur?ck in jene Tage.

Mit wie viel Freude und Wehmut dachte ich in einem von Ernst grauen B?ro an die Stunden, die meine Kinder eben im Kindergarten verbringen durften - oder mussten. Und in die albernen Wichtigkeiten des Gesch?fts, in das Verlangen nach Anerkennung meiner Arbeit mischte sich st?rend die fr?hliche Sehnsucht nach Euch.

Hat sie ?hnliches oder Anderes als wir erlebt in dieser Anstalt des falschen Gl?cksversprechens, ohne die wir den Mut und die Hoffnung zu unseren sp?teren schweren Wegen kaum aufgebracht h?tten? Irgendwo war da doch immer ein aufmunternder Blick, ein tr?stendes Streicheln oder wenigstens ein M?rchen davon.

Wie oft sehen Eltern ihre Kinder wirklich an? Aber oft genug auch erkennen beide einander in einem Raum von Freude.

Ich wische den mit Fett und Seiferesten verklebten Staub von Haarspray-Dosen, Parfum-Flaschen und Duftkerzen-Gl?sern. Ach: Das habe ich Dir doch zum Geburtstag geschenkt!- Da waren wir noch in den Vierzigern. Wie sah die Haut auf meinem Handr?cken wohl damals aus? Und wem kann ich nur f?r ein Alles in Allem schlie?lich doch erf?lltes Leben mit Dir und Allen und Allem danken? Es ist mir richtig peinlich. Aber ich glaube, ich beginne zu glauben. Und das trotz pl?tzlich ausbrechenden Papstkult.

Wer war noch Deine liebste Freundin, Grit, mit der Du die Stra?e entlang in den Sonnenaufgang einer heimlichen Liebe gingst? Klopfte Dir das Herz bis zum Hals, als Du Dir das unglaubliche Ding Kuss vorstelltest? Oder wolltest Du es rasch hinter Dich bringen, um rascher zu Barbies Party zu kommen? Und immer noch sagte das Leben: ?Komm, ich bin schon da!?

Jetzt stehst Du am Fenster, schaust halb mir beim Putzen zu, wachst halb Du ?ber Eltern und Freund. Und w?hrend ich das Wasser weg sch?tte, h?re ich die Musik aus dem Film ?Amelie?. Und denke: Wie gering ist doch die Macht des Todes gegen die der Erinnerung!

09.04.2005 Klaus Wachowski
19.4.05 19:36





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