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Alten Teppen begegnen

So täppisch erscheint mir Tolstoi gar nicht, wenn ich die Berichte von Gussew und Spiro aus dem Jahr 1909 lese (Reclam Leipzig). Er zeigt dort eine von Sonderbarkeiten vertrackte religiöse Grundansicht der Welt, die an sich aber tolerant und offen ist. Der viel wüster schimpfende Nietzsche, Stifter einer Religion des Ich und der Züchtung ist mir da weniger angenehm. Keine wissen-schaftliche Entdeckung ohne ihr folgende ideologische Verblö-dung.
Tolstoi scheint mir in den Notizen der genannten Verehrer kei-neswegs selbstsicher, was die Wahrheit über Gott und die Welt betrifft. Er achtet Kant, Sokrates und Lichtenberg. Er legt Wert lediglich auf Verhaltensweisen, die zum Teil Enthaltsamkeit, zur Hauptsache Nächsten- und Tierliebe voraussetzen. So die Ab-schaffung der Todesstrafe und des Privateigentums an Grund und Boden. Ein Hippie, der bei allen Vernünftigen aneckte. Bei vernünftigen Unterdrückern und bei künftigen vernünftigen Un-terdrückern.
Sein Problem dürften alle Reformer haben, die von einer prirvile-gierten Position aus die Abschaffung der Privilegien fordern. Er findet seinen Weg. Für die Unterprivilegierten bleibt er Herr und Heuchler, für die eigene Schicht Verräter. Er appelliert an die Einsicht des Einzelnen und mißtraut den überkommenen Lösun-gen der Macht und den sogenannten wissenschaftlichen Lösun-gen der Gegenmacht.
Mir begegnet da im Strudel von unglaublichem Luxus und un-glaublicher Not ein alter Tepp, stolpernd und hinkend mit einem Kopf voll von Kraut und Rüben aus Befreiung und Spießertum, mit einer Seele der Unsicherheit und Demut vor dem Wert des Nächsten.
Der Wiener, der ihn in der Zeitung einen alten Teppen nennt, wird von Karl Kraus zum Teil -Recht und Unrecht- in Schutz genommen.
*
Im Nebenraum einer Bildungsstätte verabschieden sich acht Kursteilnehmer von der Dozentin. Sie haben zehn Doppelstunden "Encouraging" nach Alfred Adler geübt. Der Psychologe, der sein Nachdenken dem Wert des Individuums in seiner Beziehung zur Gemeinschaft widmete, in die USA auswanderte und dort eine größere Anhängerschaft für die Individualpsychologie er-warb. Auch diese Form des wertachtenden Umgangs mit Men-schen kam erst spät wieder nach Europa zurück, nachdem Sekten und Psychosekten längst die von Nachdenklichkeit entwöhnten Gehirne einer Botschaft-begierigen älteren Jugend eingeweicht hatten.
Wer nicht alles Vertrauen in die Mitmenschen verloren und sich der Karriere zugewandt hatte, mußte in der Zeit des ab den 80ern, mit Beginn der Not, ausbrechenden Egoisms vereinsamen. Der Blödsinn der Gurus und Psychogurus konnte nur Wenige von Glück besoffen machen. Die Selbsthilfe-, Frauen- und Männer-gruppen kamen aber zu Hilfe. Methoden der wertachtenden Kommunikation eroberten sich Inseln des solidarischen Um-gangs in der Gesellschaft. Aus den USA kam außer dem Dschun-gelkapitalismus auch der Auftrag zur Achtung des Individuums. (- Ein Kanzler mit einer Obama-Herkunft ist in Europa heute noch nicht vorstellbar.-)
So kam die Individualpsychologie zurück.
Und jetzt üben acht komische Leute Mut.
Wenn sich die ganze Welt gegen Dich verschworen hat, sage ich: im Augenblick Deiner Geburt waren alle mit sich und mit Dir beschäftigt. Aber gerufen und begrüßt hat Dich das Leben. Dies ist nicht der Weg Deiner Eltern oder Irgendjemandes. Dies ist Dein Weg, komm und staune! Liebe und lasse Liebe zu. Gehe durch Glück und Einsamkeit. Nimm dies Geschenk an, Du wirst es verlieren. So schätze das Wunder. So zünde Dir eine duftende Erinnerung an im U-Bahnschacht der Depression. Und sieh: da sind Menschen und ihre Möglichkeiten.
Eine versprochene Gehaltserhöhung wird seit Jahren immer neu versprochen, eine Hilfsbereitschaft läuft immer wieder auf eine Ignoranz auf, eine Mutterliebe verletzt sich am Rauhputz einer Pubertät, eine Menschenfreundlichkeit erntet Beschimpfungen, eine frei und froh arbeitende Kreativität wird eingesperrt, eine Achtsamkeit wird mit Projekten in Migränegewitter gejagt, eine Gestaltungsfreude wird beworfen.
Du kannst Wert und Würde erfahren. Wir üben unsere Fähigkei-ten. Wir üben Mut und Vertrauen. Wir gehen hinaus in die Welt und zu den Menschen. Wir erfahren Vertrauen. Da ist auch all das andere, das wir kennen und das uns mißtrauisch und bitter gemacht hat. Nach zehn Stunden glauben wir wieder Menschen. Und uns.
Jetzt fällt es auch leichter Gott zu glauben oder nicht zu glauben. Denn in uns ist wieder Platz für die Welt. Ich verstehe den alten Teppen Tolstoj, der der Kunst und der Wissenschaft geringeren Wert als der Religion und der Arbeit zugewiesen hat. Der Aus-tausch zwischen den Gleichen ist ihm wertvoller als das Darstel-len und Besserwissen. Karl Kraus entgegnet Tolstoj mit gerech-tem Pathos: "...im Besitz von Millionen nach einem Martyrium lechzen."
Ich achte beide und denke mein Eigenes. Ermutigt von Alfred Adler, Einwandererkind in Wien, dem es an nichts fehlte als an Achtung. Eigener Weg ist das erste.
In einer Zeit der entwertenden Techniken der Menschen-Nutzung gehen acht komische Figuren hinaus in die Welt, Mensch zu blei-ben. Probier es aus....
*
Aufmerksamkeit
wo kommst Du hergeflogen? Leichtes Wort und stärkendes Ge-fühl. Etwa diese krumme Linie zwischen beschatteten und leuch-tenden Ziegeln auf diesem Dach. Die Sonne sagt Frühling mitten im heraufziehenden Winter. Ein gelbes Gummiband, das einen Wind- und Sichtschutz an diesem Kiosk fest hält, wo Verlorene ihre Lebensverwirrung in einem Allesbeschwätzen ausflößen, ertrinken in Sehnsucht. Ciao, Hass weinende Einsamkeit.
*
Der alte Parvenue aus Kurdistan grüßt ganz Grandseigneur. Er hat gearbeitet und als Selbständiger Schiffbruch erlitten. Aber da sind Mietshäuser in Antalya. Er hört aufmerksam die Geräusche unterhalb dem Radiogeblödel. Das erleichterte Aufseufzen der Gäste, wenn sie sich nieder lassen. Das Schleifen der Schuhe des in eigene Pläne versinkenden Personals. Er bemerkt das Aufblit-zen eines in ein viel zu junges Gesicht eingepiercten Glassteins. Eine Schwangere führt ein Freundinnen-Gespräch von Erinne-rung und Erwartung. Ihr Leben geht nun auf Liebe und Schwere. Die Freundin in Freiheit und Leichtigkeit des Seins saugt davon. Auf das Andere Leben will niemand verzichten. Zwei Vertreter der unermüdichen Spekulation auf privates Glück essen ihre -macht alles keinen Spass mehr- Spesen auf. Sie wissen: man sagt „Espressi“. Sagt man das? Hoffnung vom Apres-Ski in Reit-im-Winkel,. Millionärin, Bratkartoffelverhältnis, junge Witwe und braver Bausparvertrag bleiben.
"Und was soll das mit dem Clement? Fahrmer maximal 150, 160. Plötzlich unheimliche Kondition. Zirkeltraining nach Bedarf. Sonntags die Frau. Samstag, nee, nee, ist nicht meine Art.
Ja, wenn ich am Sonntag nachts um zwei heimkumm, dann ist das was ganz anderes. Ist doch auch im eignen Interesse. Aber das ist echt heftig. Kann ich nie verstehn. Gut. Das war dann echt heavy. War ja auch kein Freizeit-Ausgleich dabei. Das Produkt find ich persönlich nicht gelungen. Genau so isses. Na ja. Bei-spiel, Beispiel. Früher war das nicht möglich. Da kann man das nicht sagen. In keiner Weise. Da läuft das mehr im Sinne des Außendienstes. Vorgabe erfüllt, gibt Nachzahlung. Lachen. Das und jenes wichtiger als die Prämie. Quatsch. Langfristig führt das total am Wichtigsten."
*
When the music ´s over
Blick auf Jimmy
Hat er weniger Recht, weil er in einer Zeit gestorben ist, die weit unten und hinten im Tal liegt? Die Freunde von dort sind nun weit ab in höheren Sphären und lügen sich eine Zustimmung in die Tasche, die sie längst mit abfälligen Bemerkungen verspielt haben. Andere lallen einen depressiven Altershass in das von kleiner Gier durchzogene Gesicht eines Kioskpächters. Sie alle, ihre Transformation aus freien in gelebte Menschen sprechen für J.
Wer außer mir will es wissen? Einer wie ich. Alt, mit einem Her-zen, dem die Sehnsucht nicht ausgehen will.
Wie jung er ist! Mit welcher Energie er die Gitarre schlägt und quetscht. Wunder von Funken regnenden Tonkaskaden. Was in einem Menschen doch möglich ist. "Wer hören kann und ein Herz hat", den lädt er ein, eine Liebes-Ballade von Bob Dylan in seiner Musik zu hören, dann überrascht er mit "wild thing". Wil-der wird der Rhythmus, obszöner werden die Gesten. Zum Schluss masturbiert er seinen Blues über die gequälten Saiten in die Menge. Dann zerschlägt er das Instrument und geht.
Ich sehe Einsamkeit und Sehnsucht. Die Verehrung hat ihn in einen menschenleeren Raum geführt. Da liegt sie, die Avantgarde der Bewegung und saugt ihm die Samen aus. Keiner, Keine fä-hig, Freund zu sein. Alle in Genuss und Neid. Morgen zucken sie zu Pink Floyd, übermorgen wieder unter Wagner.
Aber was ist mit Dir, Jimmy, Du unscheinbares Gefäß, dessen in unerhörten Klängen zerspringender Seele wir atemlos lauschen? Ich kann das heute nur in von monatelangen Pausen unterbroche-nen Intervallen ertragen. Ich will gar nicht wissen, in welcher schmutzigen oder irren Kindheit Du zu Deiner brennenden Ein-samkeit kommen musstest. Ich glaube auch nicht, dass der Schmerz die Musik macht. Er zerbricht nur die Schale, damit ein Publikum der Vampire leichter an Dein Blut kommt. Warum durftest Du Deine Früchte nicht austragen, welcher Sturm hat Dich gezwungen, sie zu früh abzuwerfen und zu sterben?
Was hätte noch in Dir wachsen können! Wir haben nur die wun-derbaren Märchenwelten Deiner jungen Gier. Wo sind die Bre-chungen des Erwachsenen, die reflexiven Findungen des gefan-genen und die Erneuerungen des wieder freien Selbst des der Alten.
Freundschaft, gab es sie? Sie war nicht stark genug gegen die Verführung des Ruhms. Du bist an seiner Übermacht gescheitert. Unter der Spannung der Einsamkeit, immer noch eine Wicklung mehr, immer noch ein Ton höher, sprang diese Saite, diese Seele. Wir haben daran mitgewirkt, den Weg der Freundschaft mit Ge-birgen von Verehrung zuzuschütten.
Durch Verehrung wurde es auch uns im eigenen Raum schwer, Freundschaft und selbst das Ich zu halten. Er starb nicht am Kreuz. Und es war nicht seine Absicht, für die Welt zu sterben. Er starb am Blick aus der Sehnsucht in den Spiegel des Basilis-ken Verehrung. War da keine Liebe?
Towarisch Hendrix aus der Nervenklinik grüßt mich mit dem alten Gruß. Wir werden den Kapitalismus schon abschaffen und die freie Liebe im Universum etablieren, axis bold as love.
Doch: da ist Liebe! Aber sie hören nicht das Herz im Singen und Zerspringen der Saite. And the wind cries Mary, Towarisch.
*
Nebbo mit dem schiefen Hals kommt mir den Berg herunter ent-gegen. Aus einem glasblauen Himmel, vor dessen Kälte die gol-denen Wolken des Morgens nach Osten flohen, in den Morgen. Die Medikamente wirken. Nebbo bleibt friedlich und freundlich. Ich versuche mir seine Musik vorzustellen. Statistisch gesehen sind unter den Kranken mehr Liebhaber der Volksmusik anzu-treffen als solche von Musik. Ihm steht eher Schweigen. Ein Tuch Sonnenlicht legt sich warm auf den Ärmel seines hellblauen Pullovers. Er nimmt es mit in die Bedeutungslosigkeit.
Vier Schulmädchen kichern von erster Verliebtheit. Sie stellen ihre Rucksäcke ab, mitten durch ihn hindurch auf die Bank in einen Streifen Sonne. In ihnen spielt eine Trick-Track-Musik von DSDS. Das heißt: von Liebe wissen sie noch nichts. Vom Allein-sein. Sie schützen sich in der Kicher-Clique.
Am Kiosk die vergärenden Träume der Säufer. Sie träumen Ma-ma und den Weihnachtsbaum und Vergessen ohne Angst und Schmerz.
Wie weit ist es doch zum Ich! Und noch weiter zu seinen Träu-men, deren Hieroglyphen in einem mutigen Schwung gelesen die Welt mit dem Namen Du ergeben.
Ich freue mich auf das warme Licht in einem Behandlungszim-mer. Dort werde ich über dieses Schaufenster nachdenken. In einer Nebengasse im Provinznest A hat der Eigentümer eines kleinen Fachwerkhäuschens in alter Zeit ein ebenerdiges Schau-fenster ausgebrochen. In ihm steht ein Paar alter abgewetzter Schuhe von schwarzer Farbe in einer weiße Weihnacht leuchten-den Lichtschlange. Eine in Kupfer glänzende Tafel verkündet unbeirrt in all die Schäbigkeit hinein: Erster Preis für die Tanz-schule X, die in unserer Jugendzeit so ungefähr das seriöseste war, was die vornehm desinfizierte Langeweile dem Spießer zu bieten hatte. In uns aber sprühte es Jimmy Hendrix.
*
Es wird wieder früher dunkel. Wie schön! Schon als Kind sah ich gern die Schatten der Menschen im sparsamen Licht der Rekla-men durch die Straßen wanken. Sie machten mir keine Angst: in der Kleinststadt war jeder jedermanns Nachbar. Es gab Neid und allgemeine Armut. Furcht aber war das Geheimnis in den Famili-en.
Das Kopfteil des Sitzes gegenüber hat das Messer eines jungen Spaßvogels oder Pitbull aufgeschlitzt.
16.11.08 Klaus Wachowski
30.11.08 13:59
 


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